2018-06-11 06:16:39

Reden über Datenwerte – mit aller Innovationsfreude über die Zugangsfrage

Jedidiah Yueh

Jedidiah Yueh

Die Wissenschaft soll ein zentrales Gerechtigkeitsproblem der Zukunft lösen. Als solches hat Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Konferenz „Global Solution“ in Berlin, die in der Vorwoche stattfand, die „Bepreisung der Daten“ bezeichnet.

Ihre Einschätzung verband die Bundeskanzlerin mit dem Auftrag an die geistige Elite, sich an einer Datensteuer zu versuchen. Dieser vielzitierte Vorstoß eröffnet die Chance, eine Debatte über Datenwerte zu führen, die dringender denn je erscheint. Bisherige Wertschätzungen finden allenfalls auf der Sprachebene statt, indem Daten wahlweise in den Gold-, Öl- oder Währungsrang erhoben werden.

Daten sind allerdings ein Rohstoff, dessen Ausgangswert sich nur schwer ermitteln lässt. Zudem ist auch schon eine (un)gewisse Erwartung auf eine mögliche Wertschöpfung eingepreist, die optimistisch oder zurückhaltend ausfallen kann. Letztlich hängt der Wert davon ab, wie es einem Unternehmen gelingt, innovativ aus Daten Ideen sowie Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu skalieren. Innovationsstärke drückt sich darin aus, Datenströme zu handeln, auszuwerten, neu zu kombinieren und neu zu analysieren. Modernste Technologien, die für eine hohe Datenverfügbarkeit, Echtzeit-Analyse und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sorgen, stehen bereit, Produkte und Service zu personalisieren. Facebook, Google, Amazon & Co beherrschen das und sind so groß geworden, weil Konsumenten ihnen die Vorlage für die Individualisierung liefern – sie geben bereitwillig ihre Daten her und die Kontrolle darüber ab. 

Wird die EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) an dem Kundenverhalten etwas ändern? Verfliegt nicht der DSGVO-Grundgedanke eines unverkäuflichen Rechts auf Datenschutz bei der Aussicht, noch etwas Bessere geboten zu bekommen? Ob die nötige Zustimmung zur Datenverarbeitung das wert ist, muss jeder selbst entscheiden. Und der Wettbewerb, sollte man meinen. Doch in diesen greift die DSGVO ein. Denn wer über die größte Datenmenge verfügt, dessen Chancen steigen, mehr aus den Daten herauszuholen. Die Innovationskraft von kleineren Akteuren kann sich so erst gar nicht entfalten. Außerdem haben bereits Firmen vor der DSGVO kapituliert, die sich die teure Umsetzung schlichtweg nicht leisten können. Andere überfordert die Komplexität. Daher zeichnet sich die Konsequenz ab: Die Big Player werden noch größer. Eine Datenwertedebatte sollte sich daher damit beschäftigten, wie sich der Zugang zu dem wertvollen Rohstoff gerechter gestalten lässt. An einer Data-Sharing-Pflicht für die Großen führt dann wohl kein Weg vorbei, aber sie allein reicht nicht, damit Daten Werte entwickeln – im fairen Wettbewerb, bei dem sich Innovationsfreude und -stärke durchsetzt.

mat

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