2018-12-13 08:49:10

Österreich ist auf eine älter werdende Gesellschaft schlecht vorbereitet

Walter Eichinger

Walter Eichinger

Uneingeschränktes Vertrauen beim Thema Leben im Alter gegenüber Politik und Institutionen ist bei den ÖsterreicherInnen nur gering vorhanden. So das Ergebnis der aktuellen Silver Living Studie „Herausforderung Alter, Politik und Institutionen“, die dieser Tage veröffentlicht wurde.

Das relativ größte Vertrauen, hinsichtlich guter Vorschläge und richtige Maßnahmen zum Thema, bringen die Befragten den Seniorenverbänden (acht bzw. 50 Prozent vertraue sehr/eher schon) und der Arbeiterkammer (elf bzw. 42 Prozent vertraue sehr/eher schon) entgegen. Der Seniorenrat (zu dem allerdings ein Fünftel keine Angaben machen kann) sowie die Gewerkschaft folgen dahinter. Am geringsten ist das Vertrauen in politische Parteien, in die PolitikerInnen im Nationalrat und in die Bundesregierung.

„Bis  2030 werden rund 23 Prozent der österreichischen Bevölkerung älter als 65 Jahre alt sein“,  erklärt Walter Eichinger, Geschäftsführer Silver Living (www.silver-living.com), der Marktführer im freifinanzierten Wohnbau für Seniorenwohnanlagen in Österreich. „Derzeit sind es nur 18,5 Prozent und bis 2040 steigt dieser Anteil auf 26 Prozent. 2015 waren rund 450.000 ÖsterreicherInnen pflegebedürftig, für 2050 werden in etwa 750.000 erwartet.“ Eichinger erwartet zudem eine stark wachsende Nachfrage bei Betreutem Wohnen: „Derzeit gibt es einen Bedarf von 70.000 Betreuten Wohnungen, dem gegenüber ein Angebot von 13.600 Wohnungen steht. Bis 2028 werden aber rund 100.000 Einheiten benötigt werden. Bei einem durchschnittlichen Investitionsvolumen von 157.000 Euro pro Wohnung bedeutet dies bis 2028 einen Investitionsbedarf von rund 14 Mrd. Euro. Schon allein aufgrund der demografischen Entwicklung wird die Politik nicht umhinkommen verstärkte Anstrengungen zu setzen.“ Zudem stehe die Politik vor der Herausforderung, dass in den nächsten Jahren ein Mangel an qualifizierten Fachkräften in der Pflege und Betreuung droht. Gründe genug, dass das Thema „Herausforderung Alter“ an vorderster Stelle bei den Verantwortlichen gerückt wird.

Durchgeführt wurde die Studie von Univ.-Prof. Dr. Peter Filzmaier, Geschäftsführer des Instituts für Strategieanalysen: „Im politischen Bereich genießen LokalpolitikerInnen mehr Vertrauen als PolitikerInnen auf Bundesebene, beide Werte bleiben allerdings klar unter 50 Prozent (vertraue sehr/eher schon). Ältere Personen äußern im politischen Bereich und gegenüber Kirchen mehr Vertrauen, jüngere vertrauen eher der Gewerkschaft. Der Seniorenrat ist unter beiden Gruppen in gleichem Ausmaß bekannt bzw. unbekannt.“ 

Geringes Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik

Das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Politik fällt – analog zum Vertrauen in Politik und Institutionen generell – eher niedrig aus: Zwar haben knapp 50 Prozent auf jeden Fall oder zumindest eher Vertrauen, dass die Politik gute Lösungen in den Bereichen Gesundheit oder Sicherheit findet. Dieser Wert sinkt beim finanziellen Auskommen auf 30 Prozent. 

Politik informiert und kümmert sich zu wenig

Dass die Politik die österreichische Bevölkerung ausreichend über das Thema Leben im Alter aufklärt, meint knapp ein Viertel (zwei Prozent auf jeden Fall), 52 Prozent antworten mit eher nicht und 20 Prozent mit auf keinen Fall. Ähnlich fällt das Urteil bezüglich dem Bemühen der Politik in diesem Bereich aus: 52 Prozent sagen, dass sich die Politik eher nicht genug um das Thema kümmert, 20 Prozent urteilen noch negativer. 22 Prozent bewerten die Arbeit der Politik positiv, allerdings antworten nur zwei Prozent sehr positiv.

Defizite in vielen Bereichen

Defizite werden vor allem im Bereich der Pensionssicherung bzw. einer generellen Pensionsreform geortet (22 Prozent spontane Nennungen), bei Heim- und Pflegeplätzen bzw. alternativen Wohnangeboten für ältere Menschen (elf Prozent) und bei der Information (zehn Prozent). Weitere Themen sind eine bessere Entlohnung von Pflegekräften, eine Erhöhung der Mindestpensionen (bzw. mehr Unterstützung für Einkommensschwache) und ein allgemeiner Wunsch „ÖsterreicherInnen“ den so genannten „AusländerInnen“ vorzuziehen. 

Gestützt, also mit Antwortvorgabe gefragt, erwarten sich die Befragten vor allem mehr Aktivität der Politik bei der Sicherung des finanziellen Auskommens und beim Thema Wohnraum für ältere Menschen. Generell meint in allen Bereichen nur ein Fünftel oder weniger, dass sich die Politik ausreichend darum kümmert. Bei all diesen Punkten gibt es nur geringfügige Unterschiede zwischen Männern und Frauen, ältere Personen zeigen – analog zu den bereits genannten Beispielen – etwas mehr Vertrauen in die Politik.

Schlecht vorbereitet auf die Zukunft

Zwei Drittel der Befragten sind der Meinung, dass Österreich auf eine älter werdende Gesellschaft schlecht vorbereitet ist (14 Prozent sehr schlecht), nur vier Prozent zeigen sich sehr optimistisch. Eine sehr gute Vorbereitung Österreichs auf die unterschiedlichen Herausforderungen attestieren jeweils weniger als zehn Prozent, 20 bis knapp 40 Prozent sehen eine teilweise gute Vorbereitung. Besonders kritisch werden die Themen finanzielles Auskommen, Einsamkeit und Wohnraum für ältere Menschen gesehen. Eine Ausnahme ist die Gesundheitsversorgung älterer Menschen, bei der eine Mehrheit eine gute Vorbereitung sieht (10 Prozent sehr gut, 44 Prozent eher gut vorbereitet).

Silver Living Studie 2017 „Die Angst vor der Einsamkeit“

„In der von Silver Living  2017 durchgeführten Studie „Die Angst vor der Einsamkeit“ befürchteten  50 Prozent der 60 – 69-Jährigen zu wenige Freunde und Bekannte im Alter zu haben und 33 Prozent partnerlos zu sein“, ergänzt Walter Eichinger. „14 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind überzeugt, dass sie einsam sein werden und zwei Drittel der ÖsterreicherInnen haben Angst vor Einsamkeit. Hauptängste der über 60-Jährigen sind Pflege, Demenz und Unselbstständigkeit. Darüberhinaus wurde Betreutes Wohnen von der österreichischen Bevölkerung als einig akzeptierte Alternative zur Betreuung im eigenen Haus gesehen.

56 Prozent der noch nicht Pensionierten erwarten schlechtere Lebenssituation 

Neun Prozent der Befragten fühlen sich sehr gut, 39 Prozent eher gut über das Thema Leben im Alter informiert, unter PensionistInnen sagen dies rückblickend 13 bzw. 46 Prozent. Der subjektive Informationsstand sinkt mit dem Alter, jüngere Personen fühlen sich deutlich schlechter informiert (56 Prozent sehr/eher schlecht informiert bei den unter 30-Jährigen).  Rund 30 Prozent sind der Meinung, dass sich die Lebenssituation von PensionistInnen in Österreich in den vergangenen 20 Jahren eher verbessert hat, 26 Prozent sehen keine Veränderungen. 

Eine relative Mehrheit von 40 Prozent meint jedoch, dass sich die Lebenssituation verschlechtert hat. Dieser Eindruck schlägt sich in den persönlichen Erwartungen nieder: 56 Prozent der noch nicht Pensionierten sagen, dass ihre Lebenssituation im Ruhestand einmal schlechter sein wird als die Lebenssituation von jenen Menschen, die schon heute in Pension sind. Von jenen, die eine negative Entwicklung in der Vergangenheit wahrnehmen, teilen rund 80 Prozent diese Meinung. An eine Verbesserung glauben nur vier Prozent, gut ein Drittel meint, dass die Situation in etwa gleich bleiben wird. Besonders Befragte unter 50 Jahren befürchten mehrheitlich Verschlechterungen, während hingegen ältere Befragte – deren eigene Pensionierung näher liegt – neutraler (in etwa gleich) antworten. Die Meinung, die Situation werde besser, vertreten aber in praktisch allen Untergruppen weniger als zehn Prozent.

Vergleich mit Erwartungen vor der Pension

Zwei Drittel der befragten PensionistInnen sagen, dass ihr jetziges Leben in etwa so ist, wie sie es sich vor der Pensionierung erwartet haben. 19 Prozent meinen, es sei besser als erwartet, 14 Prozent sagen, es sei schlechter. Insbesondere bei der Gesundheit stellen mehr Befragte fest, dass es ihnen schlechter als erwartet geht (28 Prozent).  Sicherheit und die persönlichen Finanzen sind weitere Themen, bei denen rund ein Fünftel eine Verschlechterung beklagt, beim Wohnen hingegen meint knapp ein Viertel, dass es ihnen besser geht. Generell dominiert aber in allen abgefragten Bereichen der Eindruck, dass sich die Dinge so entwickelt haben, wie man es erwartet hat.

Gedanken über das Älterwerden

Befragte, die noch nicht in Pension sind, sagen zu 16 Prozent, dass sie sich derzeit sehr viele Gedanken über ihr Leben im Alter machen, 38 Prozent machen sich eher viele Gedanken. Ältere Personen beschäftigt das Thema mehr. Aber auch Menschen, die aufgrund einer Trennung oder Verwitwung allein leben oder mit ihrer wirtschaftlichen Situation unzufrieden sind, setzen sich stärker damit auseinander.
Von verschiedenen abgefragten Bereichen beschäftigen sich die Befragten insbesondere mit ihrer Gesundheit (44 Prozent beschäftigt mich sehr, 39 Prozent beschäftigt mich eher) sowie mit der Frage, wie hoch einmal die Pension sein wird (37 bzw. 40 Prozent). Damit in Zusammenhang steht die Überlegung, ob man seinen Lebensstandard halten kann (34 bzw. 40 Prozent).

Vergleichsweise wenig Gedanken machen sich die Befragten über Freizeit und Einsamkeit im Alter sowie über Seniorenheime als alternative Wohnform (19, 18 bzw. 14 Prozent beschäftigt mich sehr). Diese Antworten decken sich weitgehend mit den Überlegungen, die sich bereits Pensionierte rückblickend vor ihrem Ruhestand gemacht haben. Nach Untergruppen beschäftigen sich Personen mit formal niedriger Bildung mehr mit ihrer Pensionshöhe, dazu gehören vor allem auch Befragte, die über ein vergleichsweise niedriges Haushaltseinkommen verfügen. Interesse und Sorgen rund um das Thema Gesundheit nehmen mit dem Alter zu. Frauen machen sich mehr Gedanken darüber, wer sich um sie kümmern wird, wenn sie Hilfe benötigen. Die Leistbarkeit von Pflege ist für Frauen und ältere Personen etwas wichtiger. Menschen, die bereits jetzt allein leben (v.a. aufgrund einer Trennung oder Verwitwung), haben auch mehr Sorge, wie es mit der Einsamkeit im Alter weitergehen wird.

Was die Politik machen sollte

Walter Eichinger, Geschäftsführer Silver Living, leitet aus der Studie fünf Forderungen an die Politik ab:

  1. Pflege und Betreuung müssen als öffentliches Gut der Gesellschaft und Politik anerkannt werden, wie es auch der Europäischen Normenausschusses CEN/TC 449 des Europäischen Komitee für Normung (CEN) plant. Beispielsweise durch Förderung des Miteinanders der Generationen und Bewusstseinsbildungsmaßnahmen zum Thema „Herausforderung Alter“ wie Aufklärungskampagnen, Vermittlung von Achtung für das Alter im Schulunterricht etc..
  2.  Steuerliche Erleichterung für Unternehmen im SeniorInnenbereich, um mehr Projekte für die SeniorInnen umzusetzen. Schon allein vor dem Hintergrund, dass derzeit beispielsweise die Bau-  und Grundstückpreise steigen, könnte der Gesetzgeber aktiv werden.
  3. Bevorzugung in Ländern und Gemeinden durch eine schnelle Genehmigungsabwicklung für Unternehmen im SeniorInnenbereich. Bspw. schnellere Genehmigungen für Seniorenwohnheime.
  4. Anpassung der derzeitigen gesetzlichen Bestimmungen bei der 24-h Betreuung an die tatsächlichen Erfordernisse in der Praxis.
  5. Österreichweite Angleichung der Förderlandschaft für freifinanziertes Betreutes Wohnen an Vorbild Steiermark (subjektbezogene und objektbezogene Subventionen).

Studiendesign

Das Institut für Strategieanalysen (ISA) hat im Auftrag der Silver Living GmbH eine Studie zum Thema Politik und Leben/Wohnen im Alter durchgeführt. Ziel war es, die Einstellungen der wahlberechtigten Bevölkerung in Österreich zum Thema Alter im persönlichen wie gesellschaftlichen Kontext zu erfassen.

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