2018-08-26 09:12:40

Es ist echt Zeit

Die IT einmal wörtlich genommen

Bald wird unter dem Portal die Post abgehen. Die Rede ist vom so genannten Echtzeit-Portal. Darunter sollen die Mitarbeiter zur kommunikativen Höchstform auflaufen. Wie das geht? Ganz einfach! Man kommuniziert über alle Kanäle, also in Sprache, Daten und Video. Konverter schlagen die Brücke zwischen Sprache und Daten. Und weil das allein nicht reicht, muss die Verbindungsanforderung den Mitarbeitern überall hin hinterher laufen. Mit geführte Präsenzinformationen machen es möglich. Also ihre unerschrockenen Kämpfer im Dienste des Geschäfts: Seit allzeit bereit, damit ihr endlich produktiver werdet und das Image des Unternehmens über eure lückenlose Präsenz und einen blendeten Service aufpoliert. Weil die heißen Drähte immer glühen, braucht auch eure Privatleben kein geschäftliches Kommunikationshindernis mehr zu sein.

Allerdings müsst ihr User das mit den vielen Kommunikationskanälen und den darüber transportierten Informationen noch geregelt bekommen. Auch für die Kollegen. Denn die müssen im Falle eines Falles gezielt und schnell mit der Weiterbearbeitung einspringen. Natürlich ist innerhalb eurer Office-Umgebung aufräumen angesagt, wenn sich die zugreifenden Kollegen darin zurechtfinden sollen. Da hilft nur eins: Die vielen Informationen sortieren und im Hirn in Echtzeit verknüpfen, damit für das Unternehmen in der Mitarbeiter-Summe ein Echtzeit-Portal-Auftritt und eine höhere Produktivität herauskommen. Sich unter dem Portal ausklinken, gilt nicht. Damit würde „Echtzeit“ sabotiert werden. Und der kommunikative Fortschritt soll doch nicht ausgebremst werden - oder?

Ich finde, es ist „echt Zeit“, sich über die Sinnhaftigkeit solcher Kommunikationskonzepte Gedanken zu machen. Die meisten Mitarbeiter kriegen parallel zum Telefon schon ihren E-Mail-Eingang nicht mehr geregelt. Wie sollen sie künftig zusätzlich die Synchronität aller Kommunikationskanäle und -arten einschließlich der darüber transportierten Informationen bewältigen? A propos Informationen. Keiner weiß heute mehr, wieso Informations-Technik Informations-Technik heißt. Ein Blick auf die gelebte E-Mail-Kultur, die keine ist, verdeutlicht, was gemeint ist. Wenn schon der Wust auf dem E-Mail-Kanal kaum mehr zu durchdringen ist, wie sollen die Mitarbeiter dann drei Kommunikationskanäle verstehen, koordinieren und bewältigen? Und wie sollen Informationen, die mehrheitlich keinen Informationsgehalt haben, überhaupt logisch verknüpft werden? Das ist paradox.

Auch das noch: Immer mehr formeller Kram und zeitraubende Prozeduren , die den Mitarbeitern vom Controlling und von der Buchhaltung aufgehalst werden. Das hält sie von ihrer eigentlichen Arbeit ab. Mal ganz ehrlich, ihr Vertreter einer neuen Multikanal-Kommunikationswelt: Wie soll darüber eine höhere Produktivität der Mitarbeiter herauskommen, wenn in den Unternehmen offensichtlich alles dafür getan wird, diese Produktivität zu unterhöhlen? Ich nenne das, Sand ins Getriebe streuen. Und Produktivitätsschübe unter ehrgeizigen Echtzeit-Portal-Konzepten? Die ist wohl kaum mehr als blasse Theorie, abseits von einer realen, verkraftbaren Arbeitswelt. Es ist echt Zeit für praktikable Kommunikationskonzepte.

had

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