2018-10-08 06:14:48

Die Stille jenseits der Erreichbarkeit

Die Stille bezeichnet in der deutschen Sprache die empfundene Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch Bewegungslosigkeit. Ihre umgangssprachliche Steigerung ist die Totenstille. In der Technik kennt man sowohl den Begriff der Funkstille als auch der Sendepausen. Diese Begriffe haben als Metaphern direkten Eingang in unsere Alltagssprache gefunden, in der sie einerseits Gesprächs- und Kontaktvermeidung, andererseits die Erwartung eines Schweigens ausdrücken.

Heute fällt es den meisten Mitmenschen schwer, mit der Stille umzugehen. Zu omnipräsent sind die neuen Medien. Ständig sind wir sogar zu Hause mit hunderten von Menschen vernetzt und wir sind rund um die Uhr erreichbar. Trotz aller Verbindungen zur Außenwelt bleibt ein bohrendes Gefühl des Mangels. Aber auch diese Beklemmung ist nicht neu. Michel Foucault beklagte sich bereits vor dreißig Jahren über den Verlust der "Schweigekultur". Aus seiner Sicht führte das damalige permanente Geplapper der Fernsehgesellschaft dazu, dass alle Selbstregulationsfähigkeiten verkümmern würden. Auch Alexander Mitscherlich sah bereits vor einem Halben Jahrhundert den Menschen als hibbeliges Elementarteilchen an, das sich nur als punktuelles, augenblicksbezogenes Triebwesen begreift.

Viele Menschen bauen sich mit ihren elektronischen Geräten ein dichtes Gefängnis aus Geplapper um sich herum. Es geht darum, das Gefühl des Alleinseins zu vermeiden. Völlige Stille wird vor allem wegen der fehlenden Reflexionen und damit fehlenden akustischen Orientierung als unangenehm und beängstigend empfunden. Stille führt in vielen Fällen dazu, dass der Mangel an Außenreizen zu Halluzinationen und zu Denkstörungen führt.

Instant Messaging, E-Mail und andere elektronische Spielzeuge haben das Kommunikationsverhalten der Menschen drastisch verändert. Inzwischen sind wir Individuen, die gehetzt einen konstanten Strom von Messages, Anrufen, Kontakten und Daten zu managen versuchen. Vom einfachen Arbeiter bis zur Führungskraft werden die Individuen permanent von dem Gefühl gejagt, zu wenig Zeit zu haben und zu wenig zu arbeiten. Weshalb eben alle versuchten, permanent erreichbar zu sein, an den Wochenenden genauso wie im Urlaub. Warum nicht schnell den Termin koordinieren und einen Flug buchen? Und wenn man am Sonntag seine E-Mails beantwortet, muss man das nicht mehr am Montag morgen auf der Arbeit machen.

Schizophrene leiden oft an dem Verlust aller Lebensfreude und -lust. Psychologen erklären das mit ihrer Unfähigkeit, Stimuli auszusortieren, die permanente kognitive Erschöpfung führe zu grauer Mattigkeit. Offline zu sein, bedeutet für viele Menschen unvollständig zu sein. Kein Wunder, dass man sich im Offline-Zustand unvollständig fühlt. Schließlich delegieren wir längst einen Großteil unseres Wissens und Gedächtnisses an das Netz und überlassen den elektronischen Spielzeugen die Macht über unseren Tagesrhythmus. Je mehr wir dem Megacomputer beibringen, desto mehr übernimmt er die Verantwortung für unser Wissen. Er wird zu unserem Gedächtnis. Dann wird er zu unserer Identität. Wer mit dem steten Bewusstsein des eigenen Ungenügens arbeitet, der kann diesen Mangel nur durch Geschwindigkeit kompensieren. Da die meisten Alltagsprozesse aber längst hochgradig optimiert sind, kann man kaum noch schneller werden, sondern höchstens die Zeit verdichten, also alles auf einmal und permanent zu machen. Hinzu kommt die Angst des Menschen, alleine zu sein. Abgeschnitten vom Rest der Welt das geht nicht. Die Handys, Twitters und Facebooks vermitteln auch dem unscheinbarsten Mitmenschen das Gefühl, gebraucht, geliebt, angesprochen zu werden. Es ist die Gewissheit, dass es keine Einsamkeit mehr gibt. Dass die Menschen nicht mehr in der Lage dazu sind, sinnvoll Zeit mit sich selbst zu verbringen.

Der Mensch ist Geräuschen ausgeliefert, er agiert in seiner Geräuschkulisse. Der Hörsinn ist für den Menschen nicht beeinflussbar oder abschaltbar. Bewusste Stille im Sinne von ruhiger Umgebung kann wegen der Abwesenheit von störenden Geräuschen beruhigend wirken, die Konzentration auf eine Tätigkeit, die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden steigern. Stille ist somit eine Voraussetzung für die Konzentration des menschlichen Gehirns bei intensiven Denkprozessen. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen Klosteraufenthalte, Schweige-Retreats oder Meditationswochen in Entschleunigungsoasen buchen. Luxushotels werben mit dem Slogan “Bei uns gibt es Zimmer ohne Fernsehen, Radio und Internet!“ Die Stille wird für immer mehr Menschen zu einem tiefen Bedürfnis. Die Stille schließt nichts aus, kein Geräusch, noch nicht einmal Lärm. Sie ist der offene Raum, die Unendlichkeit in dem wir als Mensch präsent, wach und selbstbestimmt agieren.

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